Motive, Sujets | Wohin ist der Blick gerichtet? Ein möglicher Schlüssel, um Reinhold Schmidhofers künstlerische Arbeiten zu dechiffrieren, ist die Frage nach dem Blick. Partyszenen, Festivals, Bars oder Zweierkonstellationen bilden die Szenerie der zwischenmenschlichen Beziehungen. Wir sehen Menschen mit diffusen Blicken, die zwar beisammen stehen, aber deren Blicke in keinem der Bildsujets aufeinandertreffen. Sie wirken als würden sie mit keiner Mine und Geste miteinander kommunizieren. Ihre Körper stehen isoliert nebeneinander, in der Gruppe und doch jeder für sich. Sie sind bekleidet und scheinen doch nackt im Innenleben. Beim Betrachten der Bilder sieht man Menschen, die in die Leere warten, darauf, dass etwas passiert. Der Künstler offenbart uns kein Zentrum des Geschehens, sondern er selbst schaut auf den Rand. Was tut sich an den Rändern von Menschenansammlungen/ Gruppen/ Beziehungen/ Gesellschaft? Wir sehen Menschen im Ennui, wo sich gesellschaftliche Auswirkungen zeigen, wie Müßiggang, Resignation, die Ohnmacht des Einzelnen, auf die Außenwelt Einfluss nehmen zu können, die Isolation, das Monotone, der Stillstand, … und Sehnsüchte. Zum Teil sehen wir karnevaleske Szenen als angedeutete Einrahmung, oder den Ennui als Langeweile im sexy Outfit.
Zur Materialität der Zeichnungen | Wie zeichnet der Künstler die Menschen? Sie scheinen aufgeladen und ausgefüllt von der Bewegung der Kohlestriche. Dieses Strichziehen hat eine Geschwindigkeit, die man sehen kann, ein Tempo, das sie ausfüllt und zugleich durchstreicht. Die grafischen Arbeiten sind vorwiegend monochrom, einfarbig mit Schattierungen, Radierungen und Verwischungen. Hier entspringt auch die Atmosphäre der Bilder und ihre Dramatik: durch die tiefen Schattierungen. Die Figuren wirken unvollständig, zum Teil ausgelöscht, und doch bleiben ihre Silhouetten unverwechselbar und einzigartig wiedererkennbar. – Das sind keine gleichgeschalteten Figuren. Wir sehen Individuen mit brüchigen, flüchtigen Identitäten.
Manchmal kommen weitere, sehr dezente, untergeordnete Farbebenen hinzu: ein rötlicher Erdton oder eine blaue Nuance. Die Bilder zeichnen sich durch den Kohlestift durch dunkle Töne aus, welche die fast traurige Atmosphäre und eine gewisse Ausweglosigkeit der Portraitierten bestärken. Dieses Motiv schreibt sich in das Medium der Kohlezeichnung ein. So verarbeitet der Künstler direkte Eindrücke. Die Verwendung von Kohle hat sich aus der Skizze, also dem Vorskizzieren von Bildern, entwickelt. Weil Kohle aufgrund der schlechten Haftung, bevor sie fixiert wird, eine extreme Wischfähigkeit hat. So verwendet der Künstler das Material für seine Entwürfe von Menschen im Raum. Das Verwischen oder Ausradieren verwendet er, um die Grauwerte plastisch zu modellieren. Und in diesem Spannungsfeld vom Ausradieren, von der Verwischung der Konturen und zum Teil auch des Inneren dieser Menschen zu einer sehr expressiven Strichführung, in diesem Spannungsfeld verdichten sich die Körper.
Eine Form von Portraitmalerei | Dadurch werden die Zeichnungen zu Projektionen seiner Erinnerung und so auch zu einer Überlagerung der Zeit. Auch wenn Schmidhofers Menschenabbildungen der Jetztzeit entnommen sind, so scheinen sie zeitlos. Das Brighton Portrait kann eine Frau der 1920er, 1940er, 1960er oder genauso 1990er zeigen, die Zeit lässt sich nicht bestimmen. Das meine ich mit zeitlos. Die Zeitebenen, die überlagert werden, sind die Zeitschienen der Abgebildeten, die durch seine Erinnerung überschrieben werden, und zusätzlich durch den Zeitfaktor des künstlerischen Prozesses überlagert werden. Der Künstler vermittelt uns so seine Beobachtungen auf die Portraitierten. Sein Beobachtungsprozess, sein Blick auf die Menschen, seine Menschenbeobachtungen bilden das Zentrum der Kohlezeichnungen. Nur haben wir es nicht mit Portraits zu tun, in denen der Abgebildete sich über sein Portraitiertwerden bewusst ist (wie bei klassischen Herrschaftsbildern, Auftragswerken oder Künstler-Selbstportraits), sondern es sind vielmehr portraitierte Szenen des Verborgenen. – Als würde der Künstler von außen durch ein Fenster sehen, durch den dünnen Vorhang hindurch, und beobachten, was sich im Inneren abspielt. Nur dass er tatsächlich in seinen Zeichnungen dieses Innere nicht im privaten Raum/ Wohnungen darstellt, sondern im öffentlichen Raum sichtbar macht. So würde ich das, was er den „Schleier fallen lassen“ bezeichnet, was er als seinen Hauptfokus benennt, beschreiben. Aus diesen Menschenbeobachtungen schöpft er seine Inspiration und insofern zeichnet er expressiv aus seiner Gefühlswelt heraus. Wir sehen Portraits von Personen, die nicht identifiziert werden können, versteckte Gesichter, introvertierte Seelen. Und das ist wohl auch eine wichtige Hauptaufgabe von Kunst: Es geht um die wechselseitige Notwendigkeit von Beobachtung. Es geht um die vermittelte, kommentierte Perspektive des Künstlers, das Unsichtbare, das Unbegreifbare, das Ungegenständliche, das Verborgene der Menschen an die Bildoberfläche zu bringen, auf der Suche nach dem Menschen im Raum, und auf diese Weise einem Raum für das Unsichtbare zu schaffen. Diese instabilen Zustände abzubilden steht auch für eine Neubeurteilung der Zustände und somit auch für die Gelegenheit, unsere Lebensentwürfe zu hinterfragen.
Brigitte SWOBODA
Wien, 2. November 2020
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